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  5. Kennzeichnung nachhaltiger Fischerei mit dem MSC-Siegel
Portraitfoto von Michael Hegenauer

Nachhaltigkeit bei der Befischung der Meere – mit dem MSC-Siegel

Schon jetzt können Fischliebhaber in 71 Ländern Fischprodukte mit dem MSC-Siegel kaufen: mehr als 20.000 Produkte von fast 150 Fischarten sind erhältlich und auf nachhaltige Weise gefangen worden. Doch was bedeutet „nachhaltiger Fischfang“ eigentlich? Und wer steht hinter dem globalen Umweltsiegel? Ein Interview mit dem Marine Stewardship Council.

Nur mit politischem und kollektivem Willen lassen sich Probleme wie die Überfischung der Meere und die Gefährdung des maritimen Ökosystem bewältigen, sagt Michael Hegenauer, Senior Communications & Marketing Manager (DACH) beim Marine Stewardship Council (MSC). Die weltweite Organisation, die am 5. September 2022 auf der Fachmesse Fish International in Bremen ihr 25-jähriges Bestehen feiert, hat es sich seit 1997 zur Aufgabe gemacht, den Lebensraum Meer zu schützen und gleichzeitig für eine funktionierende Fischwirtschaft zu sorgen. 

Im Interview mit KOMPASS erzählt der Experte, worin der Unterschied zwischen herkömmlichem und MSC-zertifiziertem Fischfang besteht und verrät, was sowohl in den Fischereibetrieben als auch auf politischer Ebene konkret getan werden kann und muss, um Fischbestände und Meeresböden noch besser zu erhalten. Gleichzeitig appelliert er an Verbraucher, durch ihr Kaufverhalten Einfluss auf Fangmethoden und eine verantwortungsvolle Befischung der Meere zu nehmen.

Herr Hegenauer, welche Aufgabe nimmt der Marine Stewardship Council (MSC) wahr? 

Michael Hegenauer: Wir entwickeln und verwalten Standards für nachhaltige, umweltverträgliche Fischerei und kontrollieren die Lieferkette von zertifizierten Fischerzeugnissen. So stärken wir den Markt für nachhaltig gefangenen Fisch und bauen ihn aus. Außerdem klären wir auch Verbraucher über die Probleme in den Meeren, vor allem über Überfischung, auf.

Wie kam das MSC-Siegel historisch zustande? 

Hegenauer: Mitte der 90er Jahre entstand eine rege Debatte zur Überfischung der Meere mit der wachsenden Erkenntnis, dass die Meere doch nicht so unerschöpflich sind, wie man immer gemeinhin dachte. Der konkrete Anlass war der Zusammenbruch von Kabeljau-Beständen in Neufundland und im Nordwesten Kanadas. Das war extrem alarmierend, weil zehntausende Fischer und Fischverarbeiter auf einmal ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage verloren und man erkannte, dass kommerziell genutzte Fischarten bedroht waren. 

Daraufhin setzten sich rund 200 Wissenschaftler fast zwei Jahre lang zusammen, um nach dem Vorbild des 1993 gegründeten FSC (Forest Stewardship Council), der sich mit nachhaltiger Waldwirtschaft befasst, auf wissenschaftlicher Basis ein Umweltsiegel für nachhaltige Fischerei zu entwickeln. Tatkräftige Unterstützung erhielten wir dabei vom Lebensmittelkonzern Unilever, damals einem der größten Speisefisch-Vertreiber, und dem WWF als globalem Kampagnen-Führer gegen die Zerstörung der Natur. Nach diesen Gründungshilfen wurde der MSC zwei Jahre unabhängig und startete als selbstständige Charity-Organisation zunächst in London. Das MSC-Siegel war aber von Anfang an als globales Siegel angelegt.

Was bedeutet Nachhaltigkeit bei der Fischproduktion genau? 

Hegenauer: Es geht dabei darum, die Nutzung der Meere mit ihrem Schutz in Einklang zu bringen. In einem gesunden Ökosystem kann nachhaltiger Fischfang auf unbegrenzte Zeit fortdauern. Bei Fängen seitens MSC-zertifizierter Fischereien können alle Unternehmen entlang der Lieferkette bis hin zu den Konsumenten sicher sein, dass nach den strengsten Nachhaltigkeitskriterien agiert wurde. Diese Transparenz und Sicherheit kann Ware ohne Siegel nicht bieten. 

Was müssen Fischereien tun, um in das MSC-Programm aufgenommen zu werden?

Hegenauer: Fischereien, die Interesse an einer MSC-Zertifizierung haben, müssen ein 18-monatiges Prüfverfahren durchlaufen. Dies wird nicht durch den MSC selbst, sondern durch unabhängige, externe Gutachter durchgeführt. Die Gutachter bewerten, ob eine Fischerei die Nachhaltigkeitskriterien und Leistungsindikatoren des MSC erfüllt oder nicht. Das Prüfverfahren beinhaltet An-Bord-Besuche bei der Fischerei ebenso wie Anhörungen von Fischereivertreterinnen, örtlichen Behörden, Fischereibeobachtern und Umweltschutzorganisationen, aber auch die Analyse wissenschaftlicher Daten und Studien.

Welche Kriterien müssen Fischbetriebe für die MSC-Zertifizierung erfüllen?

Hegenauer: Eine nachhaltige Fischerei erfüllt drei Grundprinzipien: Erstens muss der Fischbestand eine gesunde Größe aufweisen: Nachhaltige, MSC-zertifizierte Fischereien befischen keine überfischten Bestände – und sie sorgen dafür, dass einem Bestand nur so viel Fisch entnommen wird, wie auch wieder nachwachsen kann. Zweite Voraussetzung ist, dass der Lebensraum Meer geschont wird: Eine nachhaltige Fischerei zerstört den Meeresboden nicht und gefährdet keinen Bestand durch zu viel Beifang. Drittens muss es ein wirksames Fischereimanagement geben: MSC-zertifizierte Fischereien müssen ihre Auswirkungen auf das Ökosystem kennen und minimieren. Dafür müssen sie sich an wissenschaftliche Vorgaben und geltende Gesetze halten und in der Lage sein, auf veränderte ökologische Gegebenheiten schnell und angemessen zu reagieren, z.B. wenn die Größe eines Fischbestands sinkt.

Welche Methoden haben sich zur Erfüllung dieser Kriterien bewährt?

Hegenauer: Das Beifang-Problem lässt sich mitunter recht simpel lösen. Bei der deutschen Seelachsfischerei wurden z.B. die Maschen bei den Fangnetzen auf 12,5 cm erweitert, 25 Prozent mehr als von der EU vorgeschrieben. So werden die Jungfische geschont. Beim Meeresboden wiederum schauen wir uns pro Fischerei an, wie die Auswirkungen der vorhandenen Fanggeräte in dem jeweiligen Fanggebiet sind. Bei den Grundschleppnetzen lassen sich z.B. Gummiräder anbringen, so dass die Netze nicht mit dem schweren Metall über den Meeresboden pflügen, sondern mit relativ großen, fast federnden Gummirollen. Es ist nicht notwendig, den Meeresboden aufzuwühlen. Natürlich kostet diese Anpassung des Fanggeräts mehr Geld und ist eine Investition. Dafür lässt sich die Maßnahme gut kontrollieren.

Wie etabliert ist das MSC-Siegel in der deutschen Lebensmittelindustrie? 

Hegenauer: Weltweit gibt es mehr als 5.000 Zertifikate-Inhaber und über 20.000 Produkte mit MSC-Siegel. Im deutschsprachigen Raum sind das knapp 3000 Produkte in Deutschland, rund 800 in der Schweiz und 400 in Österreich. Diese Zahlen basieren auf registrierten Produkten mit MSC-Siegel. Die tatsächliche Anzahl von Produkten mit MSC-Siegel im Handel mag davon abweichen. Im deutschen Einzelhandel haben Fischerzeugnisse aus MSC-zertifizierter Fischerei einen Marktanteil von circa 40 Prozent.

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Welche Fischarten sind derzeit besonders gefährdet und wieso?

Hegenauer: Fischarten leben meist in verschiedenen Beständen und unterschiedlichen Fangregionen. Es wäre jedoch unseriös, einzelne Arten als besonders gefährdet herauszustellen. Nehmen wir Kabeljau als Beispiel: allein im Atlantik gibt es 13 verschiedene Bestände in unterschiedlichen Zuständen. Eine bestimmte Fischart ist allerdings tatsächlich nicht nur gefährdet, sondern sogar bedroht: der Europäische Aal. 

Generell sollte man als Konsument immer auf die Herkunft des Fisches achten. Idealerweise trägt das Wildfisch-Produkt das MSC-Siegel. Genauer hinsehen sollte man beispielsweise beim Atlantischen Blauflossenthun oder Roten Thunfisch, die vor allem in Japan gekauft werden und in Deutschland quasi nicht erhältlich sind. Hier sind tatsächlich einige Bestände überfischt.

Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell in Bezug auf das maritime Ökosystem? 

Hegenauer: Ein Kernproblem ist natürlich die Überfischung einschließlich der IUU-Fischerei. IUU bedeutet illegale, nicht gemeldete und nicht regulierte Fischerei. Wir gehen derzeit davon aus, dass man auf Grund von solchen verschleierten Fischereitätigkeiten und Fischerei in verbotenen Schutzgebieten geschätzt 30 Prozent zu den offiziellen Fangzahlen hinzurechnen muss. Weitere Herausforderungen für das maritime Gleichgewicht betreffen die wachsende Weltbevölkerung, den Klimawandel und die Erwärmung, die Versauerung und den Plastikmüll. All diese Probleme sind nur mit politischem und kollektivem Willen zum Stoppen zu bringen. Eine Umkehr scheint in vielen Fällen nur sehr schwierig oder nur extrem langfristig möglich.

Was müsste die Politik aus Ihrer Sicht tun, damit wir diese Herausforderungen besser bewältigen können?

Hegenauer: Beim MSC wünschen wir uns vor allem realistische, aber auch verbindliche Regeln. Sind diese einmal vorhanden, hört die Arbeit nicht auf: Wir brauchen auch eine Kontrolle der Umsetzung dieser Regeln. Ein gutes Beispiel ist das sogenannte Anlandegebot von 2015, dessen Kontrolle sich hierzulande als sehr schwierig darstellt. Mit der Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik wurden seit dem Jahresbeginn 2015 schrittweise Rückwurfverbote für Fischereien auf quotierte Arten eingeführt, also eine Anlandepflicht. Seit 2019 gilt dies EU-weit, d.h. Fischer müssen ihren Beifang an Land bringen, der dann auf die Fangquoten angerechnet wird. Ziel ist natürlich, selektivere Fanggeräte zu entwickeln.

Ist das bislang gelungen?

Hegenauer: Im Juni 2021 haben sich die Agrar- und Fischereiminister der EU beim Agrarrat in Luxemburg auf eine sogenannte Allgemeine Ausrichtung des Europäischen Rates zur Fischereikontrollverordnung geeinigt. Mit den neuen Regelungen soll das Anlandegebot besser überwacht und durchgesetzt werden, u.a. mittels REM (Remote Electronic Monitoring) – einer Kombination aus Kameras, Sensoren und Systemen zur Positionsbestimmung bei Schiffen über 24 Metern Länge. Außerdem kommen ein elektronisches Logbuch, teils auch App-gestützte Lösungen zum Einsatz. VMS (Vessel Monitoring Systems) helfen dabei, die Position von Fahrzeugen elektronisch zu orten und zu bestimmen.

Haben Sie weitere Verbesserungsvorschläge? 

Hegenauer: Ein konkreter Wunsch seitens MSC betrifft den Nordostatlantik: Die deutsche Politik sollte sich hier um ein gemeinsames, nachhaltiges Fischereimanagement bemühen und dafür einsetzen. Konkret geht es dabei um die Erstellung von verbindlichen Fangquoten. Derzeit liegen die einzelnen Fangquoten addiert bei bis zu 41 Prozent über den wissenschaftlichen Empfehlungen für AS Hering, Makrele und Blauer Wittling. Auch deutsche Fischereien sind hier im Rahmen der EU involviert sowie weitere Küstenstaaten wie Russland, Großbritannien, Norwegen, Island sowie die Färöer-Inseln und die Fischereination Grönland.

Wie gut kennen die deutschen Verbraucher das MSC-Siegel inzwischen? 

Hegenauer: Überwiegend gut. Laut aktuellen Zahlen der jüngsten, repräsentativen Umfrage* des Marktforschungsinstituts GlobeScan kennen 68 Prozent der Deutschen das MSC-Siegel und mehr als die Hälfte weiß auch, was es bedeutet. Von denjenigen, die das Siegel kennen, vertrauen ihm knapp drei Viertel sehr. Für eine noch bessere Verbraucheraufklärung braucht es zukünftig jedoch mehr Verständnis für die Komplexität von nachhaltigem Fischfang. Pauschalisierte, verknappte Aussagen, wie die von manchen Umweltschützern, helfen hier nicht weiter, sondern sorgen eher für Verunsicherung.

Wie bewerten Sie den bisherigen Erfolg des MSC-Siegels? 

Hegenauer: Wir freuen uns allgemein über den Erfolg des MSC-Siegels, das weltweit als das strengste Fischsiegel gilt, das mehr und mehr Menschen über Nachhaltigkeit in den Meeren nachdenken lässt und ein Bewusstsein für die besondere Ressource Fisch schafft. Zudem lässt sich der Nutzen des MSC-Siegels inzwischen auch zahlenmäßig belegen: 95 Prozent aller zertifizierten Fischereien haben bisher mindestens eine Verbesserung erzielt – insgesamt wurden seit dem Jahr 2000 über 1900 solcher „Erfolge“ verbucht. Zu diesen konkreten Verbesserungen gehören z.B. intakte Fischbestände, weniger Beifang, mehr Schutzgebiete, stärkere Kontrollen und detaillierte Forschung. MSC-zertifizierte Fischereien tragen somit dazu bei, den Lebensraum Meer für die Zukunft zu erhalten.

Können Sie über konkrete Erfolgsprojekte berichten? 

Hegenauer: Ja. Die Krabbenfischerei in der Nordsee ist seit 2017 endlich MSC-zertifiziert. Das ist insofern ein toller Erfolg, da es vorher keinerlei Fischereimanagement unter den drei beteiligten Nationen Deutschland, Dänemark und den Niederlanden gab. Es handelt sich also um eine echte Drei-Länder-Kooperation unter Einbeziehung von Umweltorganisationen. Die Krabbenfischer haben sich verpflichtet, ihren Eingriff in den Nationalpark gering zu halten und auf Veränderungen im Ökosystem schnell und angemessen zu reagieren. Sie legen Schonzeiten ein, in denen kein Krabbenfang stattfindet. Auch verwenden sie nun Netze mit großen Maschen und Notöffnungen, um den Beifang von Jungkrabben und Bodenfischen zu reduzieren. Durch leichte Netzmaterialien und ein großräumiges Umfahren sensibler Gebiete minimieren sie die Auswirkungen auf den Meeresboden.

Woran arbeitet der MSC aktuell?

Hegenauer: Um insbesondere kleine Fischereien im Globalen Süden bei ihren Bemühungen um mehr Nachhaltigkeit zu unterstützen, hat der MSC das Programm "Pathway to Sustainability" ins Leben gerufen. Ausgehend von einer umfassenden Analyse der Fischereien und ihres jeweiligen ökologischen Umfelds werden in diesem Rahmen wirksame Aktionspläne für Hunderte von Fischereien weltweit erstellt und in die Praxis umgesetzt. Dabei arbeitet der MSC eng mit anderen Nichtregierungsorganisationen, den örtlichen Regierungen und Institutionen oder auch interessierten Einzelhändlern zusammen.

Eine letzte Frage: Welche Vision haben Sie?

Hegenauer: Es ist natürlich ein Erfolg, dass heute rund 15 Prozent der weltweiten Fangmenge MSC-zertifiziert sind. Gleichzeitig zeigt das aber auch, dass noch viel zu tun ist. In Zukunft wird der MSC seinen Fokus vor allem auf Fische und Meeresfrüchte richten, die derzeit im MSC-Programm unterrepräsentiert sind, von denen jedoch hohe Fangmengen angelandet werden. Neben Thunfisch und kleinen pelagischen Arten betrifft das u.a. auch Fischereien, die Tintenfisch und Oktopus fangen. Darüber hinaus möchten wir Fischereien aus dem Globalen Süden den Zugang zum MSC-Programm weiterhin erleichtern und deren Anzahl in den nächsten drei Jahren verdoppeln.

Vielen Dank für das Gespräch!

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