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Geschützt mit dem ECARF-Siegel: Sicherheit für Allergiker

Asthma, Pollen-, Tierhaar- und Kontaktallergie: Umso länger die Liste möglicher allergischer Erkrankungen, desto größer wird auch das Bemühen, das Leben für Betroffene leichter zu machen.

Ein Drittel der europäischen Bevölkerung ist heute von mindestens einer Allergie betroffen, so die Schätzungen der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF). Die häufigsten Beschwerden: Heuschnupfen und allergisches Asthma. Aber auch Nahrungsmittelallergien und Neurodermitis erschweren vielen Menschen in Deutschland den Alltag, reduzieren die Leistungsfähigkeit im Alltag, im Beruf und in der Schule und wirken sich häufig auch negativ auf die Lebensfreude aus. 

2006 hat die ECARF deshalb das gleichnamige Siegel auf den Weg gebracht: Es zeichnet seit über 16 Jahren Produkte, aber auch Dienstleistungen aus, die für Allergiker unbedenklich sind: von Lebensmitteln über Kosmetik und Textilien bis zum Einsatz in Schulen und Restaurants. 

Brother hat mit Prof. Dr. Torsten Zuberbier, Vorsitzender der ECARF-Stiftung, Dermatologe und Allergieforscher vom Institut für Allergieforschung der Charité Berlin über das Siegel gesprochen: „Das ECARF-Siegel ist das einzige internationale Siegel seiner Art weltweit“, erklärt dieser und verrät im Interview, wofür die Kennzeichnung steht, wer das Siegel nutzt und was es für eine Zertifizierung braucht. 

Herr Prof. Dr. Zuberbier, bitte stellen Sie sich und Ihre Arbeit kurz vor. 

Prof. Dr. Zuberbier: Neben meiner Arbeit als Direktor am Institut für Allergologie der Charité Universitätsmedizin in Berlin bin ich Vorsitzender der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF) und Präsident des Global Allergy and Asthma European Networks GA2LEN. Außerdem bin ich als Direktor für Allergologie und Immunologie am Fraunhofer-Institut für Translationale Medizin und Pharmakologie (ITMP) tätig. Das Institut für Allergieforschung ist die optimale Kooperationsplattform zwischen der Charité und dem Fraunhofer Institut. Das Ziel ist, möglichst holistisch die Grundzüge von allergischen Erkrankungen zu verstehen und zu erforschen. Damit sollen Behandlungsoptionen für unsere Patientinnen und Patienten stetig optimiert werden, um so die zum Teil deutlich eingeschränkte Lebensqualität von Allergikern zu verbessern.

Was sind aktuell die häufigsten Allergien und dermatologischen Krankheitsbilder in Deutschland und weltweit?

Prof. Dr. Zuberbier: Allergien sind weltweit die häufigste chronische Erkrankung. Rund ein Drittel aller Menschen leidet an einer Allergie, etwa 25 bis 30 Millionen davon allein in Deutschland. Wir gehen hierbei sogar von einer höheren Dunkelziffer aus, da nicht jeder Allergiker einen Arzt aufsucht und damit statistisch nicht erfasst wird. Gerade in den Industrieländern nehmen Allergien stetig zu. Ein Drittel der europäischen Bevölkerung ist bereits heute von mindestens einer Allergie betroffen, bei den 20- bis 40-Jährigen fast die Hälfte. Die häufigste Erkrankung ist der allergische Schnupfen, gefolgt vom allergischen Asthma. Hinzu kommen Handekzeme, atopische Dermatitis und Lebensmittelallergien. Die Bandbreite ist groß.  

Welche Herausforderungen ergeben sich hierdurch für die Gesellschaft?

Prof. Dr. Zuberbier: Die Vielzahl an Allergien bringt einen hohen volkswirtschaftlichen Schaden mit sich. Allein durch die Folgen von allergischem Schnupfen entstehen jährlich Fehlzeiten von einer Million Arbeitstagen. Jede zehnte Krankschreibung in Deutschland lässt sich auf eine Allergie zurückführen. Allein in Deutschland brechen 30.000 junge Menschen ihre Ausbildung aufgrund von Allergien ab. Die vermeidbaren Kosten durch Produktionsminderung bei unbehandelten Allergien werden europaweit auf rund 150 Mrd. Euro geschätzt. 

Wie könnte die Politik hier für Verbesserung sorgen?

Indem sowohl in Deutschland als auch auf EU-Ebene mehr Geld in die Forschung investiert wird und Allergien neben Herz-Kreislauf- sowie Krebserkrankungen sinnvoll berücksichtigt werden. Leider ist das aktuell nicht der Fall. Allergien werden weiterhin, trotz ihrer Häufigkeit und trotz des Schadens, den sie der Lebensqualität der Betroffenen und der Volkswirtschaft zufügen, immer noch trivialisiert – und das, obwohl man viel dagegen tun kann.  

Ihre Stiftung hat deshalb 2006 das ECARF-Siegel etabliert. Wie verbreitet ist das Siegel und wofür steht es genau?

Prof. Dr. Zuberbier: Seit der ersten Siegelvergabe haben wir mehr als zehntausend Zertifikate für allergikerfreundliche Produkte und Dienstleistungen ausgestellt. Das ECARF-Siegel ist somit das einzige internationale Siegel seiner Art weltweit. Es zeichnet Produkte, Dienstleistungen und Gebäude aus, mit dem Ziel, Menschen mit Allergien größere Sicherheit und damit ein gutes Stück Lebensfreude zurückzugeben. Ganz nach unserem Motto „Lebensqualität trotz Allergie“. Das Siegel steht aber auch als Hinweis für eine generelle Allergikerfreundlichkeit, sozusagen als Symbol für ein gesünderes Leben.

Prof. Dr. Torsten Zuberbier ist Direktor am Institut für Allergieforschung der Charité – Universitätsmedizin Berlin und Vorsitzender der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF)

Was wird alles mit dem ECARF-Siegel gekennzeichnet?

Prof. Dr. Zuberbier: Zertifiziert werden Produkte und Dienstleistungen, die im Alltag eines Menschen mit Allergien eine wichtige Rolle spielen können. So werden beispielsweise Waschmittel und Kosmetika ausgezeichnet, die auch für Allergiker mit empfindlicher oder neurodermitischer Haut verträglich sind. Luftreiniger säubern die Luft im Wohn- oder Schlafzimmer von belastenden Bestandteilen wie etwa Pollen oder Katzenhaaren. 

Auch Baustoffe können zu allergischen Reaktionen führen, daher zertifiziert ECARF gemeinsam mit dem Unternehmen Allergy Friendly Buildings Alliance (AFBA) auch ganze Gebäude und Quartiere als allergikerfreundlich – davon profitieren nicht nur Menschen mit Allergien, sondern generell empfindliche Menschen. 

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Welche Aufgaben nimmt die ECARF allgemein und in Deutschland wahr?

Prof. Dr. Zuberbier: Die ECARF hat das Ziel, Menschen mit Allergien bei Alltagsfragen und Therapieoptionen die bestmögliche Aufklärung und Versorgung zukommen zu lassen. Unser Fokus liegt auf den drei Aspekten Forschung, Aufklärung und Kommunikation: So geht es zum einen darum, die Allergieforschung zu beschleunigen und zu fördern. Zum anderen wollen wir mit Hilfe unterschiedlicher Informationsmaterialien aufklären und lancieren Projekte für alle Menschen, die in ihrem Umfeld in irgendeiner Form mit Allergien zu tun haben, beispielsweise Flugbegleiter, Pädagogen, Eltern, die Bauindustrie oder Gartenbauarchitekten. Nicht zu vergessen: die Angehörigen von Allergikern, deren Freunde oder Mitschüler. Drittens wollen wir natürlich in den Medien, der Politik, in Schulen und Kitas Impulse geben. 

Welche Produktsparten und Dienstleistungen werden mit dem ECARF-Siegel gekennzeichnet?

 Prof. Dr. Zuberbier: In unserem Zertifizierungsportfolio stehen Produkte, Dienstleistungen und Gebäude in knapp 30 unterschiedlichen Kategorien zur Verfügung. Dazu gehören momentan u.a. Autoinnenräume, Bettwaren, Encasings, Hotels, Ferienunterkünfte und Ferienregionen, Kreuzfahrtschiffe, Kosmetika, Lebensmittel, Luftreiniger, Staubsauger, Waschmittel und Waschmaschinen. 

Wer nutzt das ECARF-Siegel zur Zeit?

Prof. Dr. Zuberbier: Globale Marken, mittelständische Unternehmen und spezialisierte Firmen zählen zu den Siegelnehmern. Das sind derzeit knapp 200 Unternehmen. Für den Zertifizierungsprozess hat ein unabhängiger Beirat aus 15 international führenden Wissenschaftlern und Technikern wissenschaftsbasierte Kriterien für unterschiedliche Produktgruppen wie beispielsweise Kosmetik, Staubsauger oder Hotels entwickelt. Die Siegelvergabe basiert damit auf wissenschaftlichen Standards und strengen Prüfkriterien, die unter Alltagsbedingungen getestet wurden. All das zusammen sichert eine nachgewiesene Verträglichkeit. Die Kriterien werden regelmäßig dem neuesten Forschungsstand angepasst und umfassen Schwellenwerte und Ausschlusskriterien, die eine allergische Reaktion sehr unwahrscheinlich machen. 

Mit einem internationalen Siegel setzt sich die Europäische Stiftung für Allergieforschung (ECARF) dafür ein, branchenübergreifend mehr Transparenz zu schaffen.

Wie können Anbieter Ihre Produkte und Dienstleistungen nach dem ECARF-Standard zertifizieren lassen?

Nehmen wir als Beispiel Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmittel: Die Schritte bis zum Zertifikat umfassen hier die Prüfung der Inhaltsstoffe mit den ECARF-Siegelkriterien, die Planung und Umsetzung einer Anwendungsstudie mit medizinischem Personal für die Zielgruppen des Antragstellers sowie die Erstellung eines Studienberichts. Bei erfolgreicher Prüfung wird abschließend das ECARF-Siegel für Allergikerfreundlichkeit lizenzkostenfrei für zwei Jahre vergeben. Die Haftung für die fortlaufende Richtigkeit der Produktangaben und die Einhaltung der Kriterien liegen ausschließlich beim Siegelnehmer.  

Können Sie die Zertifizierung am Beispiel von Kosmetika näher erläutern?

Prof. Dr. Zuberbier: Grundsätzlich dürfen Kosmetika aller Kategorien nur Inhaltsstoffe enthalten, die in den verwendeten Konzentrationen kein allergisches Potential besitzen. Dafür bewerten ECARF-Dermatologen und Allergologen die Rezeptur und Inhaltstoffe jedes Produkts auf Qualität und Sicherheit auf Grundlage bestimmter Kriterien und internationaler Standards. Außerdem führen wir mit Probanden Tests auf Hautverträglichkeit durch.  
 
Was die Kriterien betrifft: Allergikerfreundliche Kosmetikprodukte dürfen keine reizenden Inhaltsstoffe über den jeweiligen Schwellenwerten enthalten. Rund 26 weitere Duftstoffe dürfen gar nicht enthalten sein. Außerdem sollen Konservierungsstoffe möglichst moderat und nur in sehr geringen Konzentrationen eingesetzt werden. Es gibt auch Konservierungsstoffe, wie z.B. Methylisothiazolinone oder Iodopropynylbutylcarbamat, die überhaupt nicht enthalten sein dürfen. All dies wird überprüft und bestätigt. 

An wen können sich interessierte Hersteller und Anbieter wenden, die Ihre Produkte oder Leistungen mit ECARF auszeichnen wollen?

Prof. Dr. Zuberbier: Der Prozess der Siegelvergabe wird seit 2010 von der ECARF Institute GmbH gesteuert, welche auch die regelmäßigen Kontrollen der zertifizierten Produkte und Dienstleistungen durchführt und Unternehmen und Dienstleister zu Allergie-Themen berät.  

Wie zufrieden sind Sie mit dem Status Quo beim ECARF-Siegel?

Prof. Dr. Zuberbier: Jedes einzelne Produkt und jede einzelne Dienstleistung, die mit dem ECARF-Siegel ausgezeichnet werden, sind für mich ein Erfolgsprojekt. Es wäre toll, wenn wir zukünftig nicht nur einzelne Produktgruppen in den Blick nehmen würden, sondern das Leben ganzheitlich allergikerfreundlich gestalten könnten.  
 
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Dr. Zuberbier.

(Bildquelle: Copyright by Institut für Allergieforschung, Charité Berlin)

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