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  5. Nachhaltige Waldwirtschaft: FSC-Siegel
Portrait von Dr. Sayer von FSC im Wald

Nachhaltige Waldwirtschaft: „Mehr als drei Viertel aller Bücher haben ein FSC-Siegel“

Der Klimawandel rast voran, Wälder sterben oder werden nicht nachhaltig genug bewirtschaftet. Dagegen engagiert sich der Forest Stewardship Council (FSC) mit dem FSC-Siegel. Brother International hat mit dem Direktor von FSC Deutschland über die dringlichsten Fragen der Zukunft gesprochen: Brauchen wir staatliche Nachhaltigkeits-Siegel in der Holzproduktion? Oder genügt es, wenn Unternehmen freiwillig auf Label wie FSC setzen? Und sollten wir in der Zukunft für die Ökosystem-Leistung „Wald“ bezahlen?

Das FSC-Siegel ist das bisher einzige international anerkannte und von allen großen Umwelt- und Naturschutzverbänden unterstützte Zertifizierungssystem für nachhaltiges Wirtschaften im Wald. Doch es ist ein freiwilliges System. Konkret bedeutet das: Nur Unternehmen, denen es am Herzen liegt, die Balance zwischen der wirtschaftlichen Nutzung von Wäldern und den ökologischen Belangen des Waldes, herzustellen, machen mit.

Angesichts Klimakrise und Waldsterben hat Brother International deshalb mit Dr. Uwe Sayer, Geschäftsführer bei FSC Deutschland, über die weltweite Arbeit des Forest Stewardship Council (FSC) gesprochen und nachgefragt, wie die Standards hierzulande aussehen, auf welche Erfolge der FSC zurückblickt und was es für eine weltweit nachhaltige Holzproduktion noch braucht.

Herr Dr. Sayer, wann und warum sind der FSC und das gleichnamige Siegel entstanden?

Die Organisation FSC International wurde 1993 in Toronto gegründet – als Reaktion auf die Umweltkonferenz in Rio, die es ein Jahr zuvor nicht schaffte, eine Waldagenda zu verabschieden. Besonders für die Deutschen war das sehr frustrierend. Privatwirtschaftliche Akteure taten sich deshalb mit großen Umweltverbänden, Gewerkschaften und Unternehmen aus dem Handel zusammen. Bis das Siegel zur Kennzeichnung von Holzprodukten im Markt als Werkzeug zur Zertifizierung in Deutschland entwickelt war, hat es aber noch recht lang gedauert. Ab 1997 war die Bewegung auch in Deutschland präsent und formierte sich ein Jahr später als „FSC Deutschland“, deren Geschäftsführer ich seit 20 Jahren bin.

Haben von Anfang an viele Unternehmen mitgemacht?

Anfangs waren es wenige, etwa 60 im Jahr 2000. Heute sind es zwischen 3000 bis 5000 Unternehmen, je nach Zählart. Es handelt sich um Unternehmen, die in der Prozess- und Verarbeitungskette FSC-Produkte herstellen. Doch nicht automatisch alle, die ein Zertifikat haben und FSC-Produkte herstellen dürfen, zertifizieren auch alle ihre Produkte nach unserem Standard. In der Regel stellen die meisten Unternehmen sowohl normale als auch FSC-zertifizierte Spanplatten her. Große Endhändler wie Edeka, Aldi oder Lidl haben meist nur eine Lizenz beim Endkunden, durch die sie lediglich FSC-Produkte bewerben können. Wer Produkte nicht herstellt und nur verkauft, braucht kein vollumfängliches Zertifikat.

Woran erkennt man, dass die herkömmliche Waldwirtschaft unser Ökosystem, die Biodiversität und Artenvielfalt bedroht?

Ich stelle eine Gegenfrage: Was bedeutet „herkömmlich“? Das Dilemma unserer Zeit ist: Wir können nicht mit Bestimmtheit sagen, was „richtig“ ist. Was wird denn aktuell in der Waldwirtschaft überhaupt praktiziert? Herkömmliche Forstwirtschaft im allgemeinen Verständnis ist alles, was erlaubt ist. Viele Förster machen ihre Arbeit entsprechend unserer Vorgaben sehr gut, aber es gibt auch solche, die Dinge tun, die wir in Frage stellen. Gesetzlich lässt sich das kaum nachweisen. Wir unterscheiden beim FSC daher zwischen einer naturnahen und naturfernen Waldwirtschaft.

Was ist das Besondere an einer naturnahen, FSC-zertifizierten Waldwirtschaft?

Der Förster und Autor Peter Wohlleben, der sehr stark polarisiert, versteht naturnah so, dass man die Wälder wieder mehr sich selbst überlässt. So weit gehen wir beim FSC nicht. Wir müssen uns grundsätzlich überlegen: Wozu soll Wald gut sein? Ob Fensterrahmen oder Schreibtisch – Holz ist überall im Einsatz. Wir alle sind darauf angewiesen und freuen uns, dass es Holz als Produkt gibt. Es ist eine hervorragende Alternative zu Plastik, Aluminium und anderen Materialien. Doch, um Holz zu haben, müssen wir de facto Bäume ziehen und fällen und den Wechsel von Wald („Ich lasse alles in Ruhe und erlaube Biodiversität“) zur Forstwirtschaft und damit den menschlichen Eingriff in das Ökosystem Wald akzeptieren. Wir können das jedoch verstärkt naturfreundlich gestalten und dabei Rücksicht auf seltene Arten, Böden und Ökosysteme nehmen.

Sprechen wir zunächst über das deutsche FSC-Siegel: was sind die zentralen Themen des Standards?

Bei der nachhaltigen Holzproduktion in Deutschland geht es primär um Böden, Baumarten, Totholz und alternde Bäume, seltene Biotope, Arten und Wildmanagement. Wer im Wald weniger herkömmlich und dafür naturnäher und klimaresilienter wirtschaften möchte, muss sich mit diesen Aspekten detailliert beschäftigen. Bei den Böden heißt das z.B.: Wir legen fest, wieviel man im Wald fahren darf, um Holz bereitzustellen und gleichzeitig die Böden zu schonen. Beim Alter von Bäumen bedeutet es, festzulegen, wie alt und dick ein Baum sein muss, damit sein Verlust dem Wald nicht zu sehr schadet. Je kürzer die Lebensdauer eines Baumes, desto besser für die industrielle Forstwirtschaft.

Wohlleben sagt, wir brauchen mehr Mischwälder. Was denkt der FSC darüber?

Baumarten sollten grundsätzlich mit ihrem heimischen Standort korrespondieren. Die in Deutschland flächenhaft zu findenden Fichten und Kiefern tun dies nicht: Sie sind stark von der Dürre und trockenen Sommer der letzten Jahre betroffen. Mehr Laubbäume sind aus Nutzungsperspektive jedoch nicht gewollt. Daher ist zu klären: Wieviel fremdländische Baumarten sind erlaubt und sollen aktiv im System gefördert werden? Ein prominentes Beispiel ist die Duglasie, die als Retter bei Nadelholzproblemen gilt und auf trockenen Standorten noch mithalten kann.

Doch was ist die richtige Balance und das ökologische Risiko, das man sich einfängt, wenn man nur noch Duglasien pflanzt? Wir brauchen also eine klare Begrenzung für fremdländische Baumarten. Bis zu 20 Prozent sind tolerabel, sagt der FSC. Für Wohlleben wäre das zu viel. Grundsätzlich geht es auch nicht um die Schönheit der Pflanzung oder einzelne Bäume, sondern um ganze Wälder. Wir müssen sicherstellen, dass das System in sich funktioniert.

Ist der Einsatz von Maschinen im Wald auch ein FSC-Thema?

Ja. Die Befahrung des Waldes braucht klare Grenzen: Um Bodenschonung und Wasserschutz zu betreiben, sollte nach FSC-Standard ein Abstand der Fahrrinnen von 30 bis 40 Metern gegeben sein. Herkömmliche Förster finden 20-Meter-Abstände meist ausreichend. Eine der besonders großen Herausforderungen im deutschen Wald sind auch die faktisch zu hohen Rehwildbestände - bedingt durch Forstwirtschaft und unsere Kulturlandschaft.

Wie gefährden die hohen Rehwildbestände den deutschen Wald konkret?

Das Wild frisst im Winter die Knospen von den Laubbäumen und verhindert so eine natürliche Verjüngung des Waldes und damit einen klimastabilen Wald. Daher brauchen wir ein konsequent betriebenes Wildmanagement in Deutschland. In anderen Ländern ist das gar kein Thema.

Ist der Kauf von FSC-zertifizierten Produkten eine Garantie dafür, dass der Wald nachhaltig bewirtschaftet wurde?

In der einfachsten Form ja. Das sogenannte Mix-Level, das uns vielfach beschäftigt, macht es jedoch komplizierter. Denn der FSC erlaubt auch die Mischung von zertifiziertem und nicht-zertifizierten Material, ähnlich wie bei der Herstellung von Schokolade oder Kakao. Auch hier arbeitet man mit Prozentanteilen. Für die Mix-Label haben wir beim FSC strenge Mischungsanforderungen. So muss jederzeit sichergestellt sein, dass das FSC-Material getrennt verarbeitet wurde und überall identifizierbar ist. Natürlich gibt es auch Produkte mit einem 100-prozentigen FSC-Siegel.

Welche Länder nutzen das FSC-Siegel bereits, welche (noch) nicht?

Grundsätzlich brauchen alle Länder Waldschutz. In 70 von 90 Ländern weltweit sind derzeit FSC-zertifizierte Unternehmen registriert, in 50 ist der FSC selbst aktiv. Wir sind somit eine internationale Organisation.

Sind die FSC-Standards weltweit alle gleich?

Nein. Aber unsere Prüfanforderungen sind standardisiert, d.h. weltweit gelten überall dieselben, strengen Regeln bei Zulassung und Zertifizierung. Das ist, als hätte man die TÜV-Prüfsicherheit beim Auto auf globalem Niveau. Entsprechend aufwändig ist der Prozess: der FSC hat überall dasselbe Normensystem, dieselbe Prüfsystematik, Überwachung und Zulassung. Jeder nationale FSC-Standard enthält Kriterien, Prinzipien und Indikatoren: Die Respektierung von Rechten indigener Völker ist z.B. ein Prinzip. Kriterien bestimmen die Auslöser und Indikatoren benennen, was beachtet werden muss. Indigene Völker sind ein gutes Beispiel, denn dieses Prinzip ist kein Teil des deutschen Standards, da wir keine indigenen Völker haben. In Kanada, Schweden und Brasilien ist dies ein Kernthema. Deutschland fokussiert vor allem auf den Umgang mit Biodiversität, Baumartenwahl, Befahrung und Wildmanagement und hat in diesen Bereichen sehr strenge Regeln.

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Wo unterscheidet sich der deutsche FSC-Standard noch von den ausländischen?

Z.B. bei der Reduktion und Eingrenzung von Pestiziden: Bei uns in Deutschland haben wir die Null-Toleranz-Grenze, d.h. deutsche und mitteleuropäische Forstwirtschaft verwendet keinerlei Pestizide - anders als in England und auf brasilianischen Plantagen beispielsweise. Auch der Ausschluss von gentechnisch veränderten Arten ist in Deutschland kein Aufreger, global jedoch ein riesiges Thema. Ebenfalls ein weltweit gültiges Prinzip ist die Sicherung von intakten Urwaldlandschaften: Naturwaldflächen von 15.000 Hektar, die besonderen Schutz verdienen, sind in Deutschland aber nicht relevant, weil wir Flächen dieser Größenordnung gar nicht haben – anders als in Russland, Kanada, Brasilien und im Kongo.

Eine weitere wichtige, weltweite FSC-Regelung ist das Free, Prior and Informed Consent (FPIC), das sich ungelösten Landnutzungskonflikten widmet und diese auflöst. Die Idee ist: eine FSC-Zertifizierung kann nur stattfinden, wenn vorher ein Aushandlungsprozess zwischen dem Eigentümer bzw. Konzessionär und den angemeldeten, indigenen Landnutzungsrechten stattgefunden hat. In Deutschland wird das Problem kaum wahrgenommen, weil es kein ökologisches Prinzip ist. Weltweit ist es jedoch eines der wichtigsten Prinzipien, nach denen der FSC arbeitet, so in Asien, Südamerika, Amerika und Kanada. Zudem gibt es viele Länder, in denen ein ganz anderes Jagdrecht praktiziert wird.

Wie gut hat sich das FSC-Siegel bisher in der deutschen Papier- und Holzindustrie etabliert und welchen Marktanteil hat es?

Den statistischen Anteil von FSC-zertifizierten Produkten im Gesamtmarkt können wir in Zahlen leider noch nicht ermitteln. Wir wissen aber, wie viele Unternehmen und Produkte zertifiziert sind und dass z.B. der Verpackungssektor dramatisch wächst. Im Buchsektor gibt es dagegen gute Erfolge: über drei von vier Büchern haben ein FSC-Siegel und weite Teile des Buchmarktes sind seit vielen Jahren FSC-zertifiziert. Random House hat sogar eine Zertifizierung.

Leider macht der Buchmarkt nur ein Prozent des Gesamtmarktes aus. Für viele Konzerne ist die FSC-Zertifizierung nicht finanzierbar, da sie wettbewerbsfähig bleiben müssen. Audit-Prozess, Dokumentationsaufwand und Nachweiskette kosten Geld. Einige Unternehmen geben deshalb wieder auf – nicht zuletzt auch, weil das FSC-System ein enges Monitoring und die Unternehmenswelt sich mit diesem Grad an Transparenz noch schwertut. Wir arbeiten aber aktuell an einem Blockchain-System und können damit in einigen Jahren hoffentlich Warenflüsse statistisch abbilden.

Auf welchen jüngsten Erfolg mit dem FSC-Siegel blicken Sie zurück?

Ein spektakuläres Beispiel betraf den Verkauf von Grillkohle auf dem deutschen Markt vor einigen Jahren. WWF und ÖKOTEST stellten bei einer Evaluation fest, dass eine Menge Falschdeklarationen und illegale Ware im Umlauf waren. ALDI Nord und Süd übernahmen daraufhin die Regie und führten in Namibia ein Projekt zur Entbuschung von invasiven, fremden Arten durch, die dort eine Steppenlandschaft bedrohten. Insgesamt wurden dabei 1,5 Mio. Euro für Biodiversität durch private Mittel umgesetzt – zur Versorgung des deutschen Marktes mit einem absolut nachhaltigen Produkt. Eine absolute Win-win-Situation für beide Seiten.

Was muss der Wald der Zukunft aus Ihrer Sicht leisten?

Viel mehr als nur Holzproduktion. Der Wald der Zukunft kann klimaschutzaktiv CO2-Werte senken, er leistet zudem Wasserschutz, Biodiversität und Luftreinhaltung. Im Grunde genommen tut der Wald dies jetzt schon – nur zahlt niemand dafür. Im Moment zahlen Menschen nur für Holz. Die Frage, welche Leistungen außer Holz Wald noch erbringen könnte, wird aktuell unter dem Stichwort „Ökosystemleistungen“ weltweit und auch in Deutschland verhandelt. Dabei wird nach Lösungen gesucht, wie sich die Ökosystemleistungen in ökonomischen Werten messen lassen.

Ist die bezahlbare Ökosystemleistung schon ein tragfähiges Konzept?

Durchaus. Schon heute gibt es Unternehmen in Deutschland, die viel Geld in die Hand nehmen und Forstbetriebe hierzulande nach bewiesenen Ökosystemleistungen bezahlen. Damit haben wir ein neues Produkt auf dem Markt geschaffen und sind in der Lage Beträge zwischen Akteuren im Handel und der Waldwirtschaft in teils spektakulären Projekten zu erzeugen.

Was braucht es, damit Hersteller von Holzprodukten ihr Geld in Ökosystemleistungen investieren?

Wenn Unternehmen bereit sind, zukünftig in Wald zu investieren, Biodiversität zu fördern und CO2 senken wollen, müssen Forstbetriebe Nachweise erbringen, dass sie dies kontinuierlich tun. Diese Investitionen sind keine Spenden. Analog zu einem Landwirtschaftsbetrieb, der Fleisch und Milch als „Abfallprodukt“ bzw. „Ökosystemleistung“ verkauft, versuchen auch wir, Märkte für diese anderen Produkte zu schaffen.

Rund 40 Prozent der deutschen Wälder sind privat. Weitere 30 Prozent werden kommunal und halbprivat bewirtschaftet. Nur der kleinste Teil ist staatlicher und somit öffentlicher Wald. Die somit größtenteils privaten Forstbetriebe wollen keine Almosen dafür, dass sie tun, was sie tun. Waldbesitzer sind von unserer Wertschätzung abhängig. Wo ist das in unserer Gesellschaft verankert? Anstatt zu fordern, weniger Holz zu nutzen, wodurch die Forstbetriebe weniger Geld verdienen, sollten wir umdenken und lieber Geld für die anderen Leistungen erbringen, die der Wald uns liefert: Wasser, Erholung und Artenvielfalt.

Werden Menschen in Zukunft dafür bezahlen müssen, um in den Wald gehen zu können?

Das glaube ich nicht. Zwar wäre theoretisch denkbar, dass man für Wald Eintritt bezahlen muss, wahrscheinlicher sind jedoch Modelle, bei denen wir bestimmte Leistungen im Waldkontext bezahlen, wie z.B. die aktive Wegnutzung für Mountainbiker oder Reiter oder wenn Förster sich aktiv darum kümmern, dass seltene Arten erhalten oder ältere, dicke Bäume stehen bleiben können.

Natürlich könnte man das auch staatlich lösen. Im Moment geht der Versuch jedoch dahin, Akteure und Investoren zu finden, die bereit sind, einen direkten Leistungsausgleich zu zahlen. Die Berechnung der Leistung ist bei der Erholung natürlich schwierig. Doch es gibt schon funktionierende Modelle, wie z.B. CO2-Zertifikate.

Was hat Sie im Rahmen Ihrer Arbeit beim FSC zuletzt bewegt?

2021 haben wir erstmals in unserer Geschichte demonstriert, von den Medien kaum wahrgenommen. Der Grund: Die deutsche Bundesregierung soll seit 20 Jahren einem Beschluss folgen, in der öffentlichen Beschaffung mit Hilfe von Zertifikaten wie dem FSC-Siegel möglichst verantwortungsvoll zu sein, hält jedoch trotz vieler Reden keine einzige Regel tatsächlich ein. Zusammen mit den Umweltverbänden haben wir deshalb paddelnd in Booten demonstriert. Das System braucht dringend Organisationen wie den FSC. Aufgeregt hat mich auch, dass 2021 viel Geld im Wald ausgeschüttet wurde, diese Klimaprämie jedoch nicht dazu geführt hat, dass FSC-Fläche gewachsen ist – obwohl die Bundesregierung das als Absicht genannt hatte.

Und global gesehen?

Sehr betrüblich finde ich, dass es in Amazonien vor einigen Jahren noch 3,5 Mio. Hektar FSC-zertifizierte tropische Urwälder und Naturwälder gab, die inzwischen auf 1.5 Mio. Hektar geschrumpft sind. Daran sind zum einen die politisch-landwirtschaftlichen Kräfte dieser Länder schuld, welche die Entwaldung forcieren, zum anderen existieren kaum Märkte für FSC-zertifiziertes Holz aus diesen Regionen. Das Thema „FSC in den Tropen“ wird oft nicht ernst genommen – dabei ist dort viel zu tun.

Unterstützen die Umweltverbände WWF und Greenpeace das FSC-Siegel?

Greenpeace ist vor einigen Jahren beim FSC ausgestiegen, weil die Umweltorganisation den Konsumverzicht als vorrangig ansieht. Der WWF wiederum ist aktuell Mitglied beim FSC, benutzt und unterstützt das FSC-Siegel – mit einer Ausnahme: Bei einer aktuellen Edeka-Kooperation entstehen jetzt auch Produkte mit einem neuen WWF-Label. Doch auch dabei ist das FSC-Siegel in vielen Hinsichten eine Referenzgröße.

Passiert auf der politischen Ebene aus Ihrer Sicht schon genug?

Viele Staaten, Politiker und Teile der Zivilgesellschaft finden, dass Zertifizierungen keine belastbaren Systeme sind und es auch ohne diese geht. Deshalb wird aktuell mit der Regulation on deforestation-free products eine neue EU-Verordnung verhandelt, die eine Geo-Lokalisierung für alle Produkte fordert. Die Annahme dahinter ist, dass sich so schneller erkennen lässt, ob ein Produkt den Wald gefährdet. Das macht uns Sorgen. Wir haben 20 Jahre Erfahrung und sind angetreten, weil die Staaten in Rio keine Antwort hatten.  Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was Waldgesetze fordern und dem, was die Welt braucht. Um diese Kluft zumindest teilweise aufzulösen, braucht es freiwillige Ansätze.

Was wünschen Sie sich von der Politik der EU und Deutschlands?

Wir wünschen uns eine Nutzung von Systemen wie dem FSC und der gesetzlichen Regelungen, die bereits auf den Weg gebracht wurden. Das Relevanteste ist aber, eine Kontrollkette und -systematik einzufordern. Der FSC schickt täglich Auditoren in den Wald. Gesetzgebung will häufig alles neu machen und übersieht vor Regeln und Inhalten meist die Kontroll-, Nachweis- und Evaluationsketten. Das finde ich beinahe fahrlässig. Das gilt übrigens auch für die Verteilung von Geldern zwecks vorwärtsgewandter Klimaanpassung, die Fragen wie Biodiversität und Baumartenwahl in Wäldern adressiert. Ob Forstbetriebe Standards in der Praxis anwenden und umsetzen können, muss überwacht werden. Das haben die Gesetzgeber der letzten 50 Jahre nicht geschafft.

Brauchen wir ein staatliches Siegel für nachhaltiges Holz?

Endverbraucher haben schon jetzt gewisse Kontrolle, indem sie bewusst einkaufen. Dafür sind Siegel definitiv gut. Staatliche Siegel haben aber nicht zwangsläufig mehr Glaubwürdigkeit. Meine Sorgen bei einem staatlichen Siegel wären, dass auf Grund der Kritiker dabei nur mittelmäßige Standards herauskommen, die nicht ausreichend vorwärtsgewandt sind und es auf Grund fehlenden Knowhows keine Überwachungsinstanz gibt. Deswegen sind Systeme wie der FSC wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch!

(Bildquelle: Stefan Lechner)


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